Aus dem Projekt

Aus dem Projekt | Recherchereisen

Chybie: Knapp drei Wochen im Juli 2021 dauerten die Recherchen in Chybie, dem Sitz des AKF „Klaps“, des ersten Amateurfilmklubs in einem Dorf. Im Dorf Chybie in Südpolen mit heute 3.700 Einwohnern, unweit der tschechischen und slowakischen Grenze. Der Klub galt in der VR Polen als Produzent eines „erotischen Provinzkinos“, war sehr erfolgreich bei nationalen und internationalen Amateurfilmfestivals und Austragungsort des von seinen Mitgliedern Anfang der 1970er Jahre initiierten Spielfilmfestivals für Amateure „Fabuła“ (/Fiction), das zu einem wichtigen Treffpunkt für AKFs aus ganz Polen, auch mit professionellen Regisseuren avancierte. Die Jury-Teilnahme von Krzysztof Kieślowski 1977 führte zu einer langjährigen Verbindung des später weltbekannten Regisseurs mit „Klaps“ und seinem Leiter Franciszek Dzida, der das Vorbild zu Kieślowskis Protagonisten im Spielfilm „Amator“ („Filmamateur“, 1979) war. „Klaps“ gehört zu den wenigen Klubs, die die Transformationszeit unbeschadet überstanden und eigene Geschichte sehr gut dokumentiert haben. Auf dem Portal „Gminne Archiwum Cyfrowe“ (Lokales Digitalarchiv), wurden gerade die Bestände seines Filmarchivs, zusammengetragen und aufbewahrt seit 50 Jahren (8mm-, 16mm- und Video-Filme, Fotografien, Negative etc.), bearbeitet, digitalisiert, gesichert und kostenlos zur Verfügung gestellt, darunter allein über 70 Dokumentarfilme. An die 40 Spielfilme sollen in Kürze folgen.


Der heutige Leiter des AKF „Klaps“ und des lokalen Kulturhauses, Gminny Ośrodek Kultury (GOK) in Chybie, Rafał Cymorek, sowie seine Mitarbeiterin Anna Zachurzok haben Margarete Wach und ihrer Mitarbeiterin Cäcilia Wosnitzka das gesamte Klubarchiv (Dokumente, Statute, Korrespondenzen, Einladungen, Plakate, Kroniken, Fotos und das umfangreiche Filmarchiv mit ca. 120 Filmen und 10 Dokumentationen über „Klaps“ und Franciszek Dzida) zur Auswertung überlassen, selbst Interviews erteilt und mit Informationen und Rat gedient.


Ein Gruppengespräch mit den noch lebenden „Klaps“-Mitgliedern der ersten Stunde fand während ihres allwöchentlichen Treffens an jedem zweiten Dienstag im Monat.


Am 17. Juli nahmen die Forscherinnen auch an dem 22. Filmpicknick im Amphitheater der Gemeinde Chybie, bei dem die Produktionen des Klubs vorgestellt werden, teil.

In der zweiten Woche erfolgte der Besuch im Magazin des Klubs, in dem u.a. die Plakate und die gedruckten Ankündigungen des Festivals „Fabuła“, der einzelnen Filme und anderer Veranstaltungen während der aktuellen Instandsetzung der Klubräume ausgelagert sind. Bei einer umfassenden Sichtung dieses visuellen Archivmaterials führte Anna Zachurzok Margarete Wach durch die Bestände.


In derselben Woche führte Margarete Wach mehrere individuelle Interviews mit den „Klaps“-Mitgliedern durch, die im Klub seit seiner Gründung 1969 in verschiedenen Funktionen aktiv waren. Jan Dzida, Kameramann und oft auch Koautor mehrerer Filme seines Bruders Franciszek Dzida zeigte Margarete Wach bei dieser Gelegenheit seine Foto-Arbeiten, darunter großformatige Porträt-Aufnahmen der Laien-Darstellerinnen ihrer gemeinsamen Filme aus den 1970er Jahren.


Im Gespräch mit Kazimierz Pudełko, neben Franciszek Dzida und Józef Orawiec einem der Mitbegründer des Klubs, ging es vor allem um seinen Einsatz als Laien-Darsteller und Protagonist vieler Spielfilme seiner Kollegen und Kolleginnen.


Dank Danuta Ryszka, die über Jahrzehnte für die Ausrichtung des Filmfestivals „Fabuła“ und der meisten Veranstaltungen des Klubs verantwortlich war, konnte Margarete Wach Informationen zu den institutionellen, administrativen und politisch-gesellschaftlichen Hintergründen in der Geschichte von „Klaps“ sowie zum Umgang mit der Filmzensur erhalten.


Mit Barbara Lach gelang es Margarete Wach auch die einzige Frau in der Klub-Geschichte zu befragen, die als Regisseurin zwei Filme realisiert hat, „Zabawy“ („Spiele“, 1970er Jahre) und „Kasztany“ („Kastanien“, 1970).


Weitere Information zum AKF Klaps: hier.


Während der Interviews in Chybie entstand ein visuelles Reisetagebuch von Cäcilia Wosnitzka, die einige unserer Interview-Partner*innen und ihre Schlüsselaussagen in gezeichneten Porträts festhielt:



Warszawa 1: Der erste Aufenthalt in Warschau im Mai/Juni 2021 diente der Erforschung der Bestände von Filmoteka Narodowa/Nationale Kinemathek FN und Narodowego Institutu Audiowizualnego/ Nationales Audiovisuelles Institut NINA, die vor kurzem in FINA, Filmoteka Narodowa – Institut Audiowizualny, zusammengeführt wurden. Während in der Filmoteka Narodowa wichtige Dokumente, Kroniken, Bücher und Originalplakate der Amateurfilmfestivals des Untersuchungszeit-raums gehoben werden konnten, stellte sich heraus, dass das Audiovisuelle Institut über noch nicht ausgewertete Bestände an Amateurfilmen verfügt, die bei dem nächsten Aufenthalt gesichtet werden sollen.

Auf Vermittlung des Nestors des polnischen Dokumentarfilms, Marcel Łoziński, führte Margarete Wach in Warschau Interviews mit zwei renommierten Dokumentaristen, deren Arbeiten um Archivfunde und Amateurfilme kreisen. Maciej Drygas hat in Zusammenarbeit mit dem Muzeum Sztuki Nowoczesnej/Museum der Zeitgenössischen Kunst in Warschau das Projekt „Polskie Archiwum Filmów Domowych“/ “Polnisches Archiv der Home Movies“ auf den Weg gebracht und setzt in seinen eigenen Found Footage-Filmen Amateurfilme ein. Maciej Cuske initiierte in seiner Heimatstadt Bydgoszcz die Errichtung eines regionalen Filmarchivs, in dem die in Bydgoszcz gehobenen Amateurfilme seit den 1930er Jahren bis heute eindigitalisiert und versehen mit verfügbaren Informationen ins Online-Archiv gestellt werden – „Bydgoszcz na taśmie“ / „Bydgoszcz auf Zelluloid“. Beide Archive bergen unschätzbares Amateurfilm-Material, das seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung noch harrt.

Als Ergebnis des künstlerischen Forschungsprojektes „Entuzjaści z Amatorskich Klubów Filmowych“ / “The Enthusiasts“ von Marysia Lewandowska und Neil Cummings und der gleichnamigen Ausstellung 2004 im CSW Warszawa/Centre of Contemporary Art entstand das Archiwum Entuzjastów/The Enthusiasts Archiv, angesiedelt als Online-Archiv auf der Website von Muzeum Sztuki Współczesnej/Museum der Zeitgenössischen Kunst in Warschau. Das Archiv enthält über 50 Amateurfilme aus einem Dutzend von Amateurfilmklubs, Fotos, Dokumente, Plakate und andere Artefakte visueller Kultur sowie eine Fotodokumentation der Ausstellung im CWS, die bis 2006 noch in London, Berlin und Barcelona präsentiert wurde und auch in der National Gallery of Art in Washington dokumentiert ist. Es gelang eine Kooperation mit dem Muzeum Sztuki Współczesnej in Warschau und der polnisch-britischen Künstlerin Marysia Lewandowska einzugehen, um ihr Archivmaterial aus der Ausstellung und die Amateurfilme des Enthusiasten-Archivs in dem Projekt erforschen/einsetzen zu können.



In einem Interview mit dem international renommierten Regisseur und Produzenten Krzysztof Zanussi befragte Margarete Wach ihn zu seinen Anfängen in diversen Warschauer Amateurfilmklubs in der 2. Hälfte der 1950er Jahre und insbesondere zu seinem Wirken in dem AKF „Nowa Huta“ in der sozialistischen Planstadt Nowa Huta Anfang der 1960er Jahre, das ihn auf Umwegen zum Filmstudium in Łódź und in die Filmbranche führte.



Konin: Im Mai 2021 erfolgte der Besuch im AKF „Muza“ in Konin, dessen künstlerischer Leiter, Andrzej Moś, Margarete Wach ein zweitägiges Interview erteilte, das Foto-, Dokumente- und Filmarchiv des Klubs präsentierte sowie eindigitalisierte Amateurfilme, Fotos und Kroniken zur Auswertung im Rahmen des Projektes bereitstellte.



Bei dieser Gelegenheit entstand ein Interview (in polnischer Sprache) von Joanna Sypniewska, verantwortlich für die Pressearbeit vom Koniński Dom Kultury (Kulturhaus Konin), mit Margarete Wach zu ihrem Projekt über die Amateurfilmbewegung in Polen.



Poznań 1 + 2: Während der Rechercheaufenthalte in Poznań 2020 und 2021 führte Dr. Margarete Wach Interviews mit den Mitgliedern des Amateurfilmklubs AKF „AWA“ durch. Darunter mit Prof. Dr. Mikołaj Jazdon (Institut für Film, Medien und audiovisuelle Künste /Adam-Mickiewicz-Universität Poznań), den Filmemachern, Kameramännern und Filmdozenten Piotr Majdrowicz und Janusz Piwowarski wie auch mit dem Medienwissenschaftler Prof. Dr. Marcin Adamczak (Institut für Kulturwissenschaften/Adam-Mickiewicz-Universität Poznań, Filmhochschule Łódź).
In weiteren Gesprächsrunden kam es zur Sichtung der privaten Amateurfilmsammlung von Piotr Majdrowicz und zur Hebung archivalischen Materials mit Janusz Piwowarski im Archiv des AKF „AWA“ im Centrum Kultury/Kulturzentrum „Zamek“ im Posener Kaiserschloss. Marcin Kęszycki, Schauspieler und seit 1979 Mitglied des legendären alternativen Theaters „Teatr Ósmego Dnia“ (Theater des Achten Tages), der 1971 zu den Mitbegründern des AKF „AWA“ gehörte, konnte in einem weiterführenden Interview zu den Anfängen der Amateurfilmbewegung in Poznań und ihrer verdeckten Überwachung durch Staatssicherheitsorgane befragt werden.